“Worldwide Brecht – Beiträge aus New Delhi (Indien), Tel Aviv (Israel), Herat (Afghanistan), Kirksville (Missouri)”

Truman State University: „Learning play“

Yotam Gotal: „The Desert a City“

Soumyabrata Choudhury: „A Migrant Walk“

Simorgh Theater: „Das fünfte Rad“

In hebräischer und englischer Sprache mit deutschen Untertiteln

Film und Diskurs

Live

>>  Festivalzentrale im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim)
>> Samstag, 26.2.2022, 15.00 Uhr, Tickets

 

Digitalprogramm

>>  Samstag, 26.2.2022, 15.00 Uhr im Livestream
>> im Anschluss in der Mediathek verfügbar
>> Tickets

Yotam Gotal: „The Desert a City“

Yotam Gotal lebt in Tel Aviv als Regisseur, Schauspieler und Autor. Als Dramaturg arbeitet er für das „Khan-Theater“ in Jerusalem. Brecht war für den Absolventen der Tel Aviv-Universität schon lange ein Thema.  Doch die Initialzündung gab 2019 ein Vortrag auf der Ruhr-Triennale. Dort wurde Gotal auf Brechts „Fatzer“ aufmerksam. „Es hat mich umgehauen.“, beschreibt er sein einschneidendes Erlebnis. Das Goethe-Institut Tel-Aviv unterstützte ihn dabei, „Fatzer“ erstmals in hebräischer Sprache auf die Bühne zu bringen. Für das Augsburger Brechtfestival wechselt Yotam Gotal das Genre. Sein Filmprojekt „The Desert a City“ lässt sich von Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ leiten. Mit dem Schauspieler Nitay Dagan, einer Filmcrew und zwei Geländewagen machte er sich im Oktober 2021 auf den Weg, raus aus der Stadt, in die Negev Wüste im Süden Israels.
„Brecht hat in vielerlei Hinsicht den Weg geebnet, dem ich als Regisseur gerne folgen möchte. Als ich die Gedichte aus dem Lesebuch für Städtebewohner zum ersten Mal gelesen hatte, kamen mir Fragen in den Sinn. Die städtische Erfahrung, die Brecht beschreibt, was hat sie mit meinem Leben in der Stadt zu tun? Welche hohen Anforderungen stellen die Gedichte an die Leserschaft von heute? Was ist mein israelischer Blickwinkel auf diese Texte? Ich entschied mich mit den Gedichten in die Wüste zu gehen, vielleicht wegen einem angeborenen Spaß an Streichen. Ich wollte herausfinden, welchen neuen Zugriff ich dort auf diese extrem urbanen Gedichte finden könnte. Der Facettenreichtum in Brechts Arbeiten hat mich schon immer inspiriert. Wenn man Brechts schöne Prosa liest, ist man immer mit ätzenden und sozial belasteten Strukturen konfrontiert, die den erzählerischen Rahmen bilden. Das regt mich selbst dazu an, provokante Inhalte zu schaffen.“ Yotam Gotal

Soumyabrata Choudhury: „A Migrant Walk“

Soumyabrata Choudhury  lehrt Theater- und Performance-Studies an der Jawaharlal Nehru Universität in Neu-Delhi. Er ist Schauspieler, Regisseur und Autor mit mehr als 30 Jahren Bühnenerfahrung.
„A Migrant Walk“ ist zugleich Film und Performance, entworfen als dokumentarische Karikatur auf Brechts Hörspiel „Lindbergh-Flug“. Choudhury nimmt sich Brechts Fortschrittsoptimismus, den Mythos vom neuen mobilen Menschen, der tollkühn im Alleingang nonstop den Ozean bezwingt und setzt ihn in Bezug zur Lebensrealität der erzwungenen Mobilität und Schutzlosigkeit indischer Wanderarbeiter*innen, die millionenfach aus den Dörfern in die Metropolen ziehen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Brechts Hörspiel „Der Lindbergh-Flug“ basiert auf der transatlantischen Reise, die Charles Lindberghs in einem primitiven Flugzeug gelang. Damals war eine solche Reise unmöglich vorstellbar. Doch nachdem Lindbergh die Unternehmung geglückt war, war das sogenannte Unmögliche an die Grenzen des Möglichen gestoßen. Brechts Stück markiert eine technologische und zugleich anthropologische Zuversicht. Sie entspricht der allgemeinen Haltung des modernen 20. Jahrhunderts und findet sich gleichsam im heroischen Inhalt (Lindberghs Flug) als auch im frühen Selbstverständnis des Genres (Hörspiel) wieder. Choudhurys Arbeit stellt die Frage nach unserer Erfahrung des unmöglich Vorstellbaren im Lauf der Geschichte, insbesondere in den ersten Tagen des globalen Ausbruchs der Pandemie seit März 2020. Die Antwort auf diese Frage ist sehr real und ohne den geringsten Anflug der optimistischen Sichtweise, die Brecht beschwören konnte: Heute wird das unmöglich Vorstellbare verkörpert vom Bild der wandernden Arbeiter,  jenem sich über tausende Kilometer erstreckenden Strom, einem Fußmarsch, der sich nur gelegentlich der primitivsten Transportmittel bedient. Ab jetzt sind die wandernden Arbeiter die reale Karikatur, die die Geschichte aufwirft, die gleiche Geschichte, die mit Charles Lindbergh zu Beginn des langen 20. Jahrhunderts im Cockpit saß. Wie soll man den unmöglich vorstellbaren Strom der wandernden Arbeiter innerhalb der möglichen Grenzen unserer Kommunikationsmittel darstellen, wo doch täglich neue Möglichkeiten in den sozialen Medien angepriesen werden? Das Unmögliche wird fortlaufend auf Bilder reduziert, auf Geschichten, Wahrnehmung, während die fundamentale historische Frage unausgesprochen bleibt: wie lässt sich so eine Realität innerhalb der Erfahrung sozialer und ökonomischer Widersprüche auf globaler Ebene denken, die mit der Pandemie so deutlich zu Tage getreten sind?
Kuratiert von: Anuja Ghosalkar und Kai Tuchmann

Unterstützt von:

Simorgh Theater: „Das fünfte Rad“

„Leben, ohne dass man gesehen werden darf“— Ein Imperativ, der für die Künstlerinnen des ausschließlich aus Frauen bestehenden Simorgh Theater in Herat eine brennende Realität darstellt. Seit dem Abzug der alliierten Truppen eilen diese jungen Frauen, die auf keiner Liste der zu schützenden Personen stehen von Versteck zu Versteck. Künstlerinnen, die in mehrfacher Hinsicht marginalisiert, totgeschwiegen und verfolgt werden, setzen sich im Untergrund mit Texten „Aus dem Lesebuch für Städtebewohner“ von Bertolt Brecht auseinander und bringen ins Bild, was diese Perspektive ermöglicht. Robert Schuster versteht sich dabei mit der KULA Compagnie als Transmitter zwischen diesen Frauen und einer europäischen Öffentlichkeit.

Textrechte:

Suhrkamp Verlag / Brecht Erben

Mit freundlicher Unterstützung von:

 

 

       

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