Samstag 02.03.
11.00 Uhr Brechthaus (Eintritt frei)

Literaturwissenschaft für Städtebewohner*innen - Vorträge

Zum Brechtfestival feiert die Augsburger Brecht-Forschungsstätte die Eröffnung ihres großen Ausstellungsprojekts „Brecht und die Räterepublik“. Zum Thema „Städtebewohner“ sind zwei wissenschaftliche Vorträge mit Forschungsbeiträgen von Prof. Dr. Helmuth Kiesel (Heidelberg) und Prof. Dr. Prof. h.c. Jürgen Hillesheim (Augsburg) im Brechthaus zu Gast.

© KW neun

Sa 2.3. / 11.00 Uhr / Brechthaus:
Prof. Dr. Helmuth Kiesel, Universität Heidelberg: „Dichter der Landschaft" gegen „Asphaltliteraten": eine Grundsatzdebatte der Jahre um 1930.
In den 1920ern entwickelte sich Berlin zu einer weltweit ausstrahlenden Metropole der Moderne und zugleich – als Grenzstadt zwischen West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus, Demokratie und Diktatur – zu einem „Schlachtfeld“ der Ideologien. Intellektuelle und Künstler*innen aus aller Welt kamen nach Berlin, um sowohl Anregungen als auch Wirkungsmöglichkeiten zu finden. Diese Fokussierung auf Berlin führte in ebendiesen Jahren zum  einen zu einer vielfachen künstlerischen Reflexion der Großstadt als Lebensraum; Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) ist gleichsam eine Summe dieser Bemühungen um die dichterische Darstellung der Großstadt und zugleich ein Hauptwerk der reflektierten literarischen Moderne. Zum andern führte die Fokussierung auf Berlin zu einer intensiven Debatte über das Verhältnis von Metropole und Provinz und über die Bedeutung sowohl der Großstädte als auch der „Landschaft“ mit ihren Kleinstädten für die kulturelle und speziell die literarische Entwicklung; in der Berliner Dichterakademie kam es zu einem heftigen Streit zwischen den Berliner „Asphaltliteraten“ und der „Dichtern vom platten Land“. Beides, die Entwicklung der modernen Großstadtliteratur und der Streit über die kulturelle Bedeutung von Groß- und Kleinstädten, wird in dem Vortrag anhand prägnanter Textbeispiele rekapituliert und erörtert.


Sa 2.3. / 12.30 Uhr / Brechthaus:
Prof. Dr. Prof. h.c. Jürgen Hillesheim, Brecht-Forschungsstätte Augsburg: Bertolt Brecht wird „Städtebewohner“. Vom Baum Green bis zur Dreigroschenoper.
Was ist ein Städtebewohner? Wie wird man zu einem solchen, unter welchen Bedingungen, in welcher Gesellschaft hat man sich durchzusetzen, um  einer zu werden? Dies beschreibt Brecht nicht erst in seiner „poetischen Anleitung“ „Aus dem Lesebuch für Städtebewohner“, sondern schon zuvor, 1922, im Gedicht „Morgendliche Rede an den Baum Green“. Hier gerät ein kleiner, unscheinbarer Baum auf einen lichtarmen und engen Hinterhof. Er kann sich hier festsetzen, und seine Biegsamkeit lässt ihn jeder Herausforderung trotzen, bis er eine ungeahnte Höhe erreicht und sich etabliert hat in  der Asphaltstadt. Dies ist der Hintergrund, vor dem man auch Brechts Entwicklung zu einem „Städtebewohner“ der Weimarer Republik deuten kann. Seine moralische Flexibilität, die Fähigkeit des, wie er sagt, „Lavierens“, des „sich Einrichten Könnens in Deutschland“, führte zum Erfolg. Geschafft hatte er es 1928, mit der „Dreigroschenoper“, die für Brecht den internationalen Durchbruch bedeutete – mit einem Werk, in dem er genau die Gesellschaft analysierte, zu der er selbst unbedingt Zugang gewinnen wollte.

Eintritt frei