2019-12-16 Gesamtprogramm


Pressemitteilung als PDF hier


»Brechtfestival 2020 - Brecht für alle:
Das Brechtfestival erfindet sich neu und wird zum Spektakel«


• 14.–23. Februar 2020 an mehreren Orten in Augsburg

• Künstlerische Leitung: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
• Spektakel, Theater, Literatur, Hörspiel, Film, Konzert
• Mit: Corinna Harfouch, Charly Hübner, Lars Eidinger, Armin Petras, The Notwist, Fatoni, Die Tentakel von Delphi, Zugezogen Maskulin, Almut Zilcher, Kalliniki Fili u. a.
• Das Staatstheater Augsburg bringt sich als Kooperationspartner mit zahlreichen Eigenproduktionen ein
• 18 Neuproduktionen, zwei internationale Kooperationen
• Kartenvorverkauf beginnt am 16.12.2019
• Erstmals: Early-Bird-Ticket (bis 31.12.2019)

»Er ist vernünftig, jeder versteht ihn« – dieses Motto hat sich das kommende Brechtfestival auf die Fahnen geschrieben. 2020 gibt es »Brecht für alle«. Folgerichtig legen die neuen künstlerischen Leiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner die aktuelle Ausgabe als großes Spektakel und genreübergreifendes Gesamtkunstwerk an.

»Gegen den Schulbuch-Brecht, gegen Brecht den Klassiker, gegen den grauen, funktionalistischen, stapelbaren Brecht thematisieren wir die andere Seite: die Unterhaltung, das Wilde, den Zirkus, den Jahrmarkt, den Punker Brecht. Einen Brecht der durchaus weit in die Popkultur strahlt.« (Jürgen Kuttner)


Brechtfestival 2020: Die Highlights im Überblick

Zwei Spektakel-Ereignisse am Freitag 14.2. und Samstag 22.2. stehen im Zentrum des Programms. Der martini-Park wird zum Brecht-Jahrmarkt mit vielen Bühnen und insgesamt über 20 Beiträgen. Corinna Harfouch performt mit der Band Die Tentakel von Delphi Exilgedichte, Lars Eidinger kratzt mit seiner Version von Brechts Hauspostille an den Rändern des Asozialen, die Regisseurin Kalliniki Fili haucht einem vielstimmigen Text von Lothar Trolle Leben ein – das alles und noch viel mehr gibt es bei »Spektakel Vol.1« und »Spektakel Vol.2« zu entdecken. Brechts Leidenschaft für den Augsburger Plärrer ist literarisch verbürgt. Also darf eines beim Spektakel nicht fehlen – ein Riesenrad. Und selbstverständlich wird auch dies zur Bühne: »Brechts Big Wheel«.

Trotz aller Wildheit, Spektakel-Spaß und Marktschreierei: Auf inhaltlicher Ebene geht das Festival ganz im Geiste seines Namensgebers in die Tiefe. Mit teils selten gehörten Texten von Brecht und Heiner Müller ¬– Gedichten, Lehrstücken, Hörspielen – legt es das Ohr auf die Gleise der Geschichte: lauschend, laut nachdenkend, Fragen stellend. Krieg und Kalter Krieg, Osten und Westen, Heute und Morgen, Theorie und Praxis – all das umkreist das Brechtfestival.

18 Neuproduktionen, mehr als jemals zuvor, gehören zum Programm und sind erstmals und exklusiv in Augsburg zu erleben. Darunter zwei internationale Koproduktionen sowie weitere Beiträge von prominenten Künstlern und Künstlerinnen wie den Schauspieler*innen Charly Hübner, Milan Peschel, Kathrin Angerer und dem Satiriker Martin Sonneborn.

Im Rahmen des Eröffnungsabends am 14.2. gibt es auf der Bühne im martini-Park ein Gastspiel des Schauspiels Hannover: Heiner Müllers »Der Auftrag« in der Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit Corinna Harfouch u. a. ist beim Brechtfestival zum allerletzten Mal überhaupt zu sehen.

2020 konzentriert sich die »Lange Brechtnacht« erstmals auf einen Ort. Im Kongress am Park geht es am 15.2. mit der Popkultur-Rakete auf zu neuen Sphären. Auf drei Bühnen spielen The Notwist, Fatoni, Gisbert zu Knyphausen, Voodoo Jürgens, Shari Vari und Banda Internationale feat. Bernadette La Hengst. Die Band The Cold War mit Augsburger Künstler*innen formiert sich exklusiv für das Brechtfestival.

Das Staatstheater Augsburg ist wieder Kooperationspartner und in der diesjährigen Ausgabe des Festivals besonders produktiv. Auch eine Uraufführung gehört dazu: Die mehrsprachige Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag »Švejk / Schwejk« in der Regie von Armin Petras feiert am 21.2. Premiere.

Eine weitere, transnationale Ost-West-Zusammenarbeit ist die »Lehrstückzentrale«. Die Augsburger Theaterensembles Theter und Bluespots Productions arbeiten mittels moderner Kommunikationstechnik über tausende Kilometer hinweg zwischen New York, Augsburg und St. Petersburg mit dem Regisseur Oleg Eremin und der Regisseurin Alice Bever an Brecht- und Müller-Texten und geben beim Festival Einblicke in den Arbeitsstand und ihre Erfahrungen.

Mit »Kosmos Heiner Müller« präsentiert das Festival vom 18.–21.2. eine Reihe ausgewählter Hörspiele im S-Planetarium mit Einführungen namhafter Experten. Die Filmreihe »Von Hollywood nach Buckow« im Liliom Kino zeigt vom 19.–21.2. Brecht als Drehbuchautor, Regisseur und als Protagonist eines fiktionalisierten Künstlerporträts.

Ihre 2015er Inszenierung »Eisler on the Beach« vom Deutschen Theater Berlin verdichten die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner exklusiv für das Brechtfestival zu dem Liederabend »Eisler: Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan«. Mit Berlinale-Filmpreisträgerin Maren Eggert, dem Schauspieler Ole Lagerpusch und den Pauken und Trompeten der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot aus Berlin geht das Brechtfestival 2020 musikalisch zu Ende.

Neu: Early-Bird-Ticket bis 31.12. und weitere Angebote

Der Kartenvorverkauf für das Brechtfestival 2020 beginnt am 16.12.2019. Erstmals gibt es günstige Tickets für Brechtfestival-Fans, die sich besonders viel anschauen möchten. Wer Karten für beide Spektakeltage kauft, bekommt diese bis zum 31.12. zum »Early-Bird-Preis« von 45 Euro, ermäßigt 40 Euro (statt 2 x 30, ermäßigt 25 Euro). Das »Early-Bird-Kosmos-Ticket« umfasst alle 4 Heiner Müller Hörspieltermine für 23 Euro (statt 4 x 18 Euro bzw. ermäßigt 12 Euro). Wer das Gastspiel von »Der Auftrag« am 14.2. oder die Staatstheater-Produktion »Švejk / Schwejk« am 22.2. anschaut, bekommt das Spektakelticket des jeweiligen Tages zum Preis von 15 Euro (statt 30 Euro, ermäßigt 25 Euro). Weitere Infos zu Ermäßigungen und zum Kultursozialticket gibt es im Programmheft (S. 52–53).

»Wir brauchen einen Verunsicherungsbrecht« – Festival im Spektakelmodus

Alles gleichzeitig statt brav nacheinander: Das ist das Brechtfestival im Spektakelmodus. An mehreren Orten im martini-Park und mit außergewöhnlichen Entdeckungen aller Genres. Theater, Lesungen, Konzerte, Performances: Auf dem Außengelände, in den Hallen B13 und C1 und in der Kantine 1832 gibt es am 14.2. und 22.2. mit einem Ticket »Brecht für Alle«.

»Wir wollen Sachen bieten, die eben in der Art und Weise tatsächlich nur in Augsburg stattfinden und mit Brecht zu tun haben. Ein Großteil dessen, was da zu sehen sein wird, gab es vorher noch nicht. Das sind schnelle, kleine, interessante Produktionen, die sich entweder aus Ideen ergaben, die wir für bestimmte Schauspielerinnen oder Schauspieler hatten, für die wir nach Texten gesucht haben, die noch nicht so intensiv behandelt worden sind, von denen wir aber glauben, dass sich eine Beschäftigung lohnt.«

Die Idee der künstlerischen Leiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner ist es, im Hit & Run-Modus zu produzieren, d.h. die Künstler*innen stellen sich der Herausforderung, ohne großen Vorlauf und mit wenig Proben eine Sache live zu präsentieren. Diese Arbeitsweise hat nicht nur einen ganz eigenen Charme, sie passt auch zu Brechts Idee, dem großen Tanker Theater »kleine wendige Truppen« beiseite zu stellen.

»Da sind wir selber gespannt drauf. Das ist jetzt nicht so, dass wir Seiltänzer sind und das Netz hängt `nen halben Meter drunter. Da kann man auch abstürzen. Aber das gehört ja, finde ich, zum Kunst machen sowieso dazu. Wenn’s nicht irgendwie auch ein Risiko beinhaltet, dann isses ja langweilig. Wir brauchen ja keinen Versicherungs-Brecht, sondern eher einen Verunsicherungs-Brecht. Für die Künstler, für die Zuschauer und für uns.«

(Zitate: Jürgen Kuttner, ganzes Interview auf www.brechtfestival.de)


DIE VERANSTALTUNGEN IM EINZELNEN:

»Spektakel Vol. 1« am 14.2.2020

Mit: Jürgen Kuttner, Corinna Harfouch & die Tentakel von Delphi, Staatstheater Augsburg, Gymnasium bei St. Stephan, Jeffrey Lewis, Zugezogen Maskulin, u. a.

Die konzertante Live-Aufführung von Müllers Text »Wolokolamsker Chaussee. Teil 3. Das Duell« am 14.2. mit den Herren des Opernchores des Staatstheater Augsburg ist eine Weltpremiere: Erstmals vertraut der Komponist Heiner Goebbels seine handschriftlich überlieferte Hörspielpartitur einem fremden Klangkörper an. Die Damen des Chors präsentieren indes Hanns Eislers »Woodbury Liederbüchlein«, Kompositionen, die Brechts Weggefährte mit seiner Frau und dem befreundeten Ehepaar Schumacher gewissermaßen zum Zeitvertreib im amerikanischen Exil geschaffen haben.

Corinna Harfouch ist an diesem Abend gleich mehrfach vertreten: Erst beim Gastspiel des Schauspiels Hannover mit »Der Auftrag« (Achtung: Hier ist ein gesondertes Ticket nötig), später am Abend performt sie im Rahmen von Spektakel Vol. 1 erstmals mit der Band Die Tentakel von Delphi Brechts Exilgedichte. Das Stück »klassenkampf« von Lothar Trolle folgt Brecht mit Familie und einem Schwung Geliebter ins dänische Exil. Regisseurin Kalliniki Fili spinnt den vielstimmigen Text weiter und spickt ihn mit weiteren Quellen. Auch diese Premiere ist eine Eigenproduktion des Staatstheater Augsburg.

David Bowie, The Doors, Nina Hagen: Die »Mini Playbrecht-Show« von Staatstheater-Schauspielerin Marlene Hoffmann und Band versammelt sie alle und lässt Songs von Brecht, Weill, Eisler und Dessau durch Coverversionen späterer Künstlergenerationen auferstehen. Ein Heiner Müller-Interview-Marathon präsentiert »Versammelte Irrtümer«. Die Idee des Theaterkollaborativs »Futur II Konjunktiv« (Matthias Naumann und Johannes Wenzel) wirft die Gespräche zwischen Heiner Müller und Alexander Kluge durch Präsenz und Stimmen von Agnes Mann und Almut Zilcher ins Heute. Der »Lehrstück-Parcours« macht mittels Pädagogik Brechts Theatertheorie am eigenen Leib erfahrbar. Die Schauspieler Julius Kuhn, Thomas Prazak und Sänger Wiard Witholt vom Staatstheater erwecken per Reenactment die berühmten Aufzeichnungen der Gespräche zwischen dem Komponisten Hanns Eisler und dem Germanisten Hans Bunge zum Leben (»Fragen Sie mehr über Brecht«, Regie: Lutz Keßler, Staatstheater Augsburg).

Die Schulgemeinschaft des Gymnasiums bei St. Stephan ist in der Halle C1 mit einem generationenübergreifenden Projekt entlang eines zweiteiligen Lehrstückes von Brecht vertreten: Die Schüler*innen studieren »Der Jasager« ein, die Eltern antworten mit »Der Neinsager«. In der Kantine 1832 gibt es ein spannendes Double-Feature zu hören, mit Konzerten des New Yorker Singer-Songwriters Jeffrey Lewis und den deutschsprachigen Hip-Hoppern von Zugezogen Maskulin.

»Spektakel Vol. 2« am 22.2.2020

Mit: Charly Hübner, Bluespots Productions, Kathrin Angerer & Goshawk, Milan Peschel, Theter, Lars Eidinger, Jürgen Kuttner, Anatol Käbisch & Lilijan Waworka, Martin Sonneborn u. a.

»Die Welt ändert sich jetzt stündlich«: Zu »Spektakel Vol. 2« am 22.2. gehört nicht nur ein Programm mit Überraschungsgästen in »Brechts Big Wheel«, sondern auch ein spontanes Interventionsprogramm mit Jürgen Kuttner im Dialog mit z. B. dem Satiriker Martin SonnebornDie Partei als Lehrstück«). Charly Hübner riskiert mit musikalischer Begleitung einen frischen Blick auf die Kantate »Herrnburger Bericht« von Bertolt Brecht und Paul Dessau. Lars Eidinger nimmt einen tiefen Atemzug vom wilden Brecht und bringt die »Hauspostille« als radikal funkelndes Gesamtkunstwerk auf die Bühne. Und Milan Peschel wendet sich dem Polarisierenden in Brechts Kosmos zu. Er spannt mit »Brecht Böse« den Bogen vom Baal zum Fatzer über die rote Fahne des Kommunismus. An seiner Seite: der Schauspieler und Musiker Johann Jürgens, dessen Band Sternburg Rot sich mit Punkrock und Powerpop in bester Brechttradition bewegt. Alle diese Produktionen entstehen eigens für das Brechtfestival.

Festivalleiter Jürgen Kuttner ist nicht nur eine Radio-Moderatoren-Legende, er ist auch berühmt für seine sogenannten »Videoschnipselvorträge«, die er jahrelang an der Berliner Volksbühne zelebriert hat und die ihn sogar bis nach São Paulo und Amsterdam führten. Eigens für das Brechtfestival bringt er eine Ausgabe mit nach Augsburg: »Die Erkenntnis kann an einem anderen Ort gefunden werden, als wo sie gebraucht wird«.

Kathrin Angerer, eine der starken Frauen, die der Volksbühne unter Frank Castorf ein Gesicht gaben, ist mit Brechts »Kriegsfibel« beim Brechtfestival zu Gast. Die Zusammenarbeit mit der Berliner Band Goshawk ist taufrisch. Das Werk, das sie gemeinsam bearbeiten, ist historisch und doch hochaktuell. Die Songs sind vierzehn Arten, den Krieg zu beschreiben. Mit geschliffenen Formulierungen, markanten Kontrasten und prägnanten Tonfolgen. Anatol Käbisch und Lilijan Waworka vom Staatstheater Augsburg verbinden mit »Technobrecht« Altes mit Heutigem, Eisler, Weill und Brecht mit technoiden Beats – tanzbar und inspirierend. Lars Eidinger ist nicht nur ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler, sondern als DJ auch Gastgeber des Formats »Autistic Disco«. Beim Brechtfestival legt er seine Platten zur Spektakel-After-Hour im Provino Club auf.

Die Augsburger Ensembles Bluespots Productions und Theter präsentieren nochmals die Ergebnisse der »Lehrstückzentrale« und ihre Arbeiten zu den Lehrstücken Die Horatier und die Kuriatier von Bertolt Brecht und Der Horatier von Heiner Müller (Premiere 16.2.). Das Staatstheater Augsburg zeigt die zweite Vorstellung von »Švejk / Schwejk« (Achtung: Auch hier ist ein gesondertes Ticket oder Kombiticket nötig). Einige Jahrmarktsereignisse der Vorwoche können am 22.2. nochmals erlebt werden, z.B. »Wolokolamsker Chaussee« und »Woodbury Liederbüchlein«.

Zum letzten Mal: »Der Auftrag« von Heiner Müller mit Corinna Harfouch u. a. (14.2.)
Heiner Müller hat wie kaum ein anderer Brechts Anspruch an ein gesellschaftlich relevantes Theater konsequent fortgeschrieben. Mit »Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution« hat er 1979 ein Stück über Verrat und das Scheitern von Utopien verfasst. Die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner schließen in ihrer Inszenierung Müllers Text mit Brechts epischer Spielweise kurz und lassen die Stimme des Autors aus dem Off erklingen. Die Koproduktion des Schauspiels Hannover mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen mit einem hinreißenden Ensemble (Sarah Franke, Corinna Harfouch, Janko Kahle, Jürgen Kuttner, Daniel Nerlich, Hagen Oechel, Jonas Steglich) ist beim Brechtfestival am 14.2. zum allerletzten Mal zu erleben.


Zum ersten Mal: Uraufführung »Švejk / Schwejk« am Staatstheater (21.2.)
In Anlehnung an Jaroslav Hašeks 1923 erschienenen Roman Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg schrieb Brecht ab 1943 das Drama Schweyk im Zweiten Weltkrieg. Sein Versuch den Schelmenroman in eine kabarettistische Satire zu verwandeln, galt vielen als gescheitert. Umso gespannter darf man auf die mehrsprachige Augsburger Inszenierung »Švejk / Schwejk« in der Regie von Armin Petras sein. Die Koproduktion mit den Städtischen Bühnen Prag macht einen dreiteiligen Theaterabend aus dem Stoff und ergänzt ihn mit einem aktuellen Text der tschechischen Autorin Petra Hůlová: Was bedeutet es heute, Schwejk zu sein? Mit Johannes Cotta, Martin Donutil, Sarah Haváčová, Anatol Käbisch, Andrej Kaminsky, Tomáš Milostný, Eva Salzmannová und Katja Sieder. Die Uraufführung des Staatstheater Augsburg feiert im Rahmen des Brechtfestivals am 21.2. im martini-Park Premiere.

»Die Lange Brechtnacht«: The Notwist, Fatoni, Voodoo Jürgens, Gisbert zu Knyphausen u. a. (15.2.)
Das Brechtfestival 2020 steckt voller Musik: Vom Opernchor bis zur Punkband, von den Domsingknaben zum Techno-DJ gibt es viel zu entdecken und natürlich tauchen auch Brechts bekannte musikalische Weggefährten Paul Dessau, Kurt Weil und Hanns Eisler im Programm auf. Strahlender Mittelpunkt des Musikprogramms ist »Die Lange Brechtnacht«, eine ganz eigene musikalische Galaxie, die das Festival über Brechts originäres Schaffen hinausführt (kuratiert von Girisha Fernando). Sie verfolgt Impulse der zeitgenössischen Popkultur im Umgang mit der Widersprüchlichkeit der heutigen Welt. Am 15.2. geht es singend und tanzend auf zu neuen Welten mit Konzerten von Gisbert zu Knyphausen (D, Rheingau), The Notwist (D, München / Weilheim), Fatoni (D, Berlin), Shari Vari (D / USA, Hamburg), Banda Internationale feat. Bernadette La Hengst (D / Syrien / Irak, Dresden / Berlin), Voodoo Jürgens (AUT, Wien) und The Cold War, einer Band mit Augsburger Künstler*innen, die sich extra für das Festival formiert hat und sich von Pop-Klassikern des Kalten Krieges zu Neuinterpretationen inspirieren lässt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte findet Die Lange Brechtnacht zentralisiert an einem Ort statt, und zwar im Kongress am Park. Ein Raumschiff mit 3 Bühnen, das mit Visual-Art von Jürgen Branz und Rolf Messmer sowie den Ansagen von Captain Ken Yamamoto durchs Popkultur-Universum saust. Bis in die frühen Morgenstunden wird bei der Aftershow-Party zum Sound der Jahrzehnte getanzt, die vom Lebensgefühl des Kalten Krieges geprägt waren.


Virtueller Raum: »Lehrstückzentrale« ¬– New York, Augsburg, St. Petersburg (16.2.)

Mitte der 1930er Jahre schreibt Bertolt Brecht mit Hilfe von Margarete Steffin sein »vollkommenstes« Lehrstück: Die Horatier und die Kuriatier über den Konflikt zweier ungleich starker Parteien. Drei Jahrzehnte später schreibt Heiner Müller mit Der Horatier die Geschichte der Sieger fort. Auf Einladung des Brechtfestivals lassen sich die beiden Augsburger Theaterensembles Bluespots Productions und Theter auf ein ungewöhnliches Experiment ein: Die beiden Lehrstücke sind der Anlass, um mit Oleg Eremin aus St. Petersburg und Alice Bever aus New York in Austausch zu kommen. Über Gebirge, Ozeane und mehrere Zeitzonen hinweg entsteht zwischen den Servern des World Wide Web ein virtueller Probenort, wird via Videostream an szenischen Skizzen gearbeitet. Die räumliche Distanz ist dabei Bestandteil des Experiments. Erst kurz vor der Premiere treffen die beiden Teams aufeinander, um ihren Arbeitsstand zu zeigen und Erfahrungen zu teilen. Die »Lehrstückzentrale« feiert am 16.2. Premiere in der Brechtbühne im Gaswerk. Zur Einführung spricht Jürgen Kuttner »Von Brechts Radio-Theorie zur Skype-Regie«. Im Anschluss an die Vorstellung gibt es ein Publikumsgespräch mit den Beteiligten.

Welt Raum: »Kosmos Heiner Müller« – Hörspielreihe unter der Sternenkuppel (18.2.–21.2.)
Heiner Müller (1929–1995) gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts und als legitimer Erbe Bertolt Brechts. Seine Texte spiegeln die innere Zerrissenheit deutsch-deutscher Geschichte im Kalten Krieg – zwischen sozialistischem Traum und globalem Raubtierkapitalismus, zwischen ideologischer Unterdrückung und grenzenloser Freiheit, zwischen schmerzhafter Aufarbeitung und steinigem Neuanfang. Als Intellektueller und scharfsinniger Chronist seiner Zeit wusste Müller seine künstlerische Unabhängigkeit zu wahren. Das Brechtfestival widmet ihm die vierteilige Hörspielreihe »Kosmos Heiner Müller« unter der Sternenkuppel des S-Planetariums. Das Personal einiger der Aufnahmen ist von bemerkenswerter Prominenz, z. B. Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten, Frank Castorf, Johanna Schall, Gudrun Gut, Arto Lindsay und Heiner Müller selbst sind zu hören. Vor und nach den Hörspielen finden Werkstattgespräche mit Experten und Machern statt. 18.2.: »Der Untergang des Egoisten Fatzer« nach Bertolt Brecht, Einführung: Jürgen Kuttner. 19.2.: »Wolokolamsker Chausssee I-V« von Heiner Müller, Einführung: Heiner Goebbels (Regie). 20.2.: »Der Lohndrücker« und »Der Mann im Fahrstuhl«, Einführung: Falk Strehlow. 21.2.: »Hamletmaschine« und »Bildbeschreibung«, Einführung: Wolfgang Rindfleisch (Regie).

»Von Hollywood nach Buckow«: Filmreihe im Liliom (19.2.–21.2.)
Bertolt Brecht als Drehbuchautor, Regisseur und als Protagonisten eines fiktionalisierten Künstlerporträts zeigt das Brechtfestival vom 19.2.–21.2. in der Reihe »Von Hollywood nach Buckow« im Liliom Kino. Der Brechtexperte Dr. Michael Friedrichs wird die Filme jeweils im Kontext von Brechts Biografie kurz vorstellen. Den Anfang macht der Fritz Lang-Film »Hangmen Also Die« aus dem Jahr 1943. Am Drehbuch des Film-Noir Thrillers mit NS-Szenario war Bertolt Brecht beteiligt. Das Portrait »Abschied – Brechts letzter Sommer« spielt in den letzten Sommertagen des Jahres 1956 in Brechts Anwesen in Buckow und ist mit Josef Bierbichler, Monica Bleibtreu, Birgit Minichmayr und Samuel Finzi prominent besetzt. 1950 brachte Bertolt Brecht Der Hofmeister von Jakob Michael Reinhold Lenz auf die Bühne. Die Aufführung ist mit äußerst hohem Aufwand dokumentiert worden. Mithilfe des Archivmaterials katapultieren Tom Kühnel und Jürgen Kuttner Brechts Theaterarbeit ins 21. Jahrhundert: in Einzelbildschaltungen, live synchronisiert von Kathleen Morgeneyer und Peter René Lüdicke vom Deutschen Theater Berlin. »Brecht in echt: Jürgen Kuttner live: Hofmeister« feiert seine Augsburg-Premiere am 21.2.

Eisler-Liederabend mit Maren Eggert, Ole Lagerpusch, Pauken und Trompeten (23.2.)
»In der Familie Eisler herrschen verwandtschaftliche Beziehungen wie in den Shakespeare’schen Königsdramen«, soll Charlie Chaplin einmal gesagt haben. Um dieses Geflecht geht es in der Inszenierung »Eisler on the Beach«, die Tom Kühnel und Jürgen Kuttner 2015 am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne brachten. Für das Brechtfestival verdichten die beiden Regisseure zusammen mit Berlinale-Filmpreisträgerin Maren Eggert, der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot und dem Schauspieler Ole Lagerpusch ihre Inszenierung zu einem Liederabend: »Eisler: Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan« ist der Abschluss des Brechtfestivals, am 23.2. im martini-Park.

Extras im Parktheater: Poetry Slam und Schreibwettbewerb Bert Brecht Kreis (17.2.)
Beim »Best Of Poetry-Slam«, dem modernen Dichterwettstreit am 17.2. im Parktheater, messen sich die vier Wortkünstler*innen Yasmin Hafedh a. k. a. Yasmo, Florian Wintels, Ken Yamamoto und Sophia Szymula mit ihren Texten. Inspirieren lassen sie sich dabei vom Motto Er ist vernünftig, jeder versteht ihn, von Brechts Zertrümmerung der Anschauungen durch die Verhältnisse und vom Fatzer. Die Preisverleihung zum Schulwettbewerb des Bert Brecht Kreises findet ebenfalls am 17.2. im Parktheater statt. Schülerinnern und Schüler Augsburger Schulen konnten sich frei oder mit Brechtbezug mit dem Thema »Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« auseinandersetzen und dabei verschiedenste künstlerische Formen nutzen.

»Kennt keiner Heiner?« Theater-Workshop als Festival Warm-Up
Imme Heiligendorff und Nicoletta Kindermann, Theaterpädagoginnen am Staatstheater, übernehmen die dankenswerte Aufgabe, Heiner Müller-Neugierige jeden Alters im Rahmen eines Workshops mit der vielschichtigen Schriftstellerpersönlichkeit bekannt zu machen. Ein wunderbares Warm-Up zum Festival am 7.2.


Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2020

Der Bertolt-Brecht-Preis feiert 2020 sein 25-jähriges Bestehen. Seit 1995 ehrt die Stadt Augsburg zusammen mit den Brecht-Erben alle drei Jahre eine Autorin oder einen Autor der Gegenwart, deren / dessen Schaffen sich kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzt. Das Werk der / des Ausgezeichneten soll in Beziehung zu Bertolt Brecht stehen und dessen Geist weitertragen. Bisherige Preisträger*innen sind Franz Xaver Kroetz, Robert Gernhardt, Urs Widmer, Christoph Ransmayr, Dea Loher, Albert Ostermaier, Ingo Schulze, Silke Scheuermann und Nino Haratischwili. Der Preisträger oder die Preisträgerin wird im Januar 2020 bekanntgegeben.




WEITERE INFORMATIONEN

Veranstaltungsorte Brechtfestival 2020: martini-Park (Gebäude B13 und C1, Kantine 1832, Außengelände), Brechtbühne im Gaswerk, Kongress am Park, S-Planetarium, Liliom Kino, Parktheater im Kurhaus Göggingen, Provino Club.

Ausführliche Informationen und Texte zu den Veranstaltungen und einzelnen Beiträgen des Brechtfestivals gibt es ab 16.12. online unter brechtfestival.de und im Programmheft, das an den gängigen Auslagestellen zu bekommen ist, z. B. an der Bürgerinfo am Rathausplatz. In der digitalen Fassung ebenfalls auf der Festivalwebseite.

Der Kartenvorverkauf zum Brechtfestival 2020 beginnt am 16.12.2019. Onlinetickets gibt es unter www.brechtfestival.de. Tickets gibt es z. B. auch an den verschiedenen Vorverkaufsstellen am Rathausplatz 1, 86150 Augsburg. Karten für die Filmreihe sind im Liliom Kino erhältlich.

Informationen zur künstlerischen Biografie der Festivalleiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: www.brechtfestival.de/festival/kuenstler-biografien/tom-kuehnel oder im Pressebereich der Website.

Interview des Brechtbüros mit den künstlerischen Leitern vom November 2019: www.brechtfestival.de/news/wir-sind-keine-kuratoren


Pressekontakt
Tina Bühner
Tel.: +49 821 2440 7597
Mobil: +49 151 12 90 8000
E-Mail: presse@brechtfestival.de
www.brechtfestival.de/presse

Kontakt Brechtbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg
Katrin Dollinger
Tel.: +49 821 324 342 71
brecht@augsburg.de

Webseite: www.brechtfestival.de
Instagram: https://www.instagram.com/brechtfestival/
Twitter: https://twitter.com/BrechtfestivalA
Facebook: https://www.facebook.com/brechtfestival/

Info
Das Brechtfestival Augsburg wird veranstaltet vom Brechtbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg in Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg. Partner des Brechtfestivals ist die Stadtsparkasse Augsburg. Mit freundlicher Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, den Stadtwerken Augsburg, dem Bezirk Schwaben sowie weiterer Förderer und Sponsoren. Medienpartner sind die Augsburger Allgemeine Zeitung, Bayern 2, taz, Nachtkritik und Theater der Zeit.