2017-12-12 (lang)

ausführliche Presseinformation

»Egoismus versus Solidarität«
Brechtfestival 2018 – Brecht im Dialog mit der Gegenwart

»Keinen verderben zu lassen, auch nicht sich selber/ Jeden mit Glück erfüllen, auch sich,/ Ist gut.«  – Aber auch schwer, möchte man den Worten der Figur Shen Te aus »Der gute Mensch von Sezuan« hinzufügen.
Egoismus und Solidarität – hinter diesen Worten verbirgt sich ein uralter menschlicher Grundkonflikt. Gemeinhin gestaltet er sich komplexer, als es das Gegensatzpaar auf den ersten Blick vermittelt. Ob Personen, Gruppen, Gesellschaften oder Staaten: Zwischen »ich« und »wir« ist jede Menge Platz für Reibungen und Reibereien. Und dramatisches Potential. Brecht forschte in seinen Texten an den Übergängen, Grauzonen und harten Kanten dieser Aushandlungszone. Wo liegt die Grenze zwischen Hingabe und Selbstaufgabe? Wie lassen sich unterschiedliche Interessen vereinen? Kann man die Welt zu einem besseren Ort machen? Wie kann ich meine Interessen durchsetzen? Was passiert, wenn ich das tue? Was, wenn nicht? Was, wenn jemand aussteigt, sich verweigert, einfach nicht mehr mitmacht?
 
»Egoismus versus Solidarität« ist das Motto des Brechtfestivals 2018. In einer Welt, die zunehmend von Krisen und Konsum, Selbstdarstellung, Medienwahnsinn und Individualisierung gebeutelt ist, radikalisieren sich diese Positionen. Unterschiedliche Fachleute konstatieren eine Zunahme egoistischer Verhaltensweisen mit teilweise irrwitzigen Auswüchsen. Denken und Handeln fallen buchstäblich auseinander – sei es im Straßenverkehr, bei der Steuererklärung oder im politischen Statement. Von der sozialen Gerechtigkeit bis zur Erderwärmung: Obwohl es einen gesellschaftlichen Konsens darüber zu geben scheint, dass ein »weiter so« nicht möglich ist, entspringt aus diesem Wissen oft kein Denken – und erst recht kein Handeln. »Ich glaub nicht, was ich denk«, heißt es sinngemäß in Brechts Fatzer-Fragment. Mit diesem Zitat richtet das Brechtfestival die Scheinwerfer auf eine zersplitterte, von Auflösungserscheinungen geprägte Welt, in der Glauben und Denken, Wissen und Handeln nicht mehr zusammen kommen.
 
Die Gegenwart mit Brecht und Brecht mit der Gegenwart konfrontieren
Auch im zweiten Jahr seiner künstlerischen Leitung ist Patrick Wengenroths Anliegen, die Gegenwart mit Brecht und Brecht mit der Gegenwart zu konfrontieren. Die Begriffe Egoismus und Solidarität bilden dabei die Grundlage dieses Austauschs. Nicht als Gegensätze, zwischen denen es zu wählen gilt, sondern gleichsam als »semantisches Feld, in dem diese Auseinandersetzung geführt wird«, so Wengenroth. Das Festival setzt dabei bewusst auf unterschiedliche künstlerische Sprachen und vielfältige Zugänge: Sinnlich und intellektuell, fordernd und unterhaltsam, sinnfällig und fragwürdig, klassisch und experimentell.
»Das Brechtfestival 2018 soll kein jammervolles Echo der uns umgebenden Krisen sein, sondern vielmehr Lust darauf machen, diese Krisen durchstehen zu wollen. Theater, Performance, Musik und Diskurs sind meines Erachtens hervorragende Vehikel, um auf unterhaltsame wie fordernde Weise unseren Glauben an die Veränderbarkeit der Welt zu stärken. Ich glaube, dass es der Künste und der fröhlichen Wissenschaften bedarf, um uns stets zu ermuntern, dass Mut und Unerschrockenheit sich lohnen können.«
(Patrick Wengenroth)
 
Theater aus Augsburg, Berlin, Bremen: 3 Premieren, 3 Gastspiele
Mit zwei Inszenierungen von Brechttexten aus unterschiedlichen Schaffensphasen startet das 10tägige Festival in das erste Wochenende. Beide Werke thematisieren die Problematik von Egoismus und Solidarität auf unterschiedliche Art und Weise.
Das Theater Augsburg eröffnet das Brechtfestival 2018 am 23.2. mit der Premiere von »Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer« nach dem Fragment von Bertolt Brecht in der Regie von Christian von Treskow. Das Theater Bremen gastiert am 25.2. mit »Der gute Mensch von Sezuan« in der Regie von Alize Zandwijk im martini-Park. Die gebürtige Niederländerin ist seit der Spielzeit 2016/17 künstlerische Leiterin des Schauspiels am Theater Bremen. Ihre Inszenierung zeigt den Konflikt zwischen Hingabe und Selbstbehauptung, zwischen Egoismus und Solidarität durch einen Kunstgriff in der Besetzung als zwei Seiten einer Medaille, was spannende Perspektiven eröffnet.
 
Maxim Gorki Theater zum ersten Mal beim Brechtfestival
Mit dem mehrfach ausgezeichneten Maxim Gorki Theater aus Berlin besucht eines der bedeutendsten deutschen Theater erstmals das Brechtfestival (z.B. Theater des Jahres 2016 und 2014). Am 3.3. gastiert das Gorki mit der gefeierten wie umstrittenen Produktion »Dickicht« in der Regie von Sebastian Baumgarten in der brechtbühne. Baumgartens mutige Brecht-Bearbeitung spielt durch gekonnten Medieneinsatz mit der Rätselhaftigkeit des Original-Stücks, experimentiert auf erfrischende Weise mit Brechts epischer Sprechweise und mit dem Verfremdungseffekt.
 
Die preisgekrönte Regisseurin Yael Ronen und das 2017 gegründete Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters zeigen die Stückentwicklung »Winterreise«. Die Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland, Afghanistan, Syrien und Palästina teilen Erfahrungen, wie sie Brecht im Gedicht »Über die Bezeichnung Emigranten« beschrieben hat. Die erste gemeinsame Arbeit ist inspiriert von einer zweiwöchigen Busreise durch das winterliche Deutschland. Das daraus entstandene anrührende und gleichwohl komische Stück erzählt von Spuren des Umbruchs, aber auch über das Fremdsein und das Ankommen in einem neuen Land.
Vorbereitend auf das Gastspiel bietet das Brechtfestival in Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogik des Gorki Theaters am 19.2. einen Workshop für Schülerinnen und Schüler ab der 10. Jahrgangsstufe an. »Winterreise« war seit der Uraufführung im April 2017 an mehreren großen Bühnen im ganzen Bundesgebiet zu Gast. Am 4.3. ist der Abend beim Brechtfestival zu erleben.
 
Kantate trifft Kino: Double-Feature zu »Die Mutter«
Unter dem Titel »Radikale Positionen« präsentiert das Brechtfestival am 4.3. ein ungewöhnliches Double-Feature mit der Kantate »Die Mutter« von Hanns Eisler und Bertolt Brecht und dem mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm »Valentina« von Maximilian Feldmann und Luise Schröder. Brechts Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maxim Gorki, die Kantatenfassung mit Hanns Eislers Musik und kurzen Zwischenszenen stellt eine Essenz des Bühnentextes dar. »Die Mutter« wird als Kooperation mit dem Theater Augsburg und unter der musikalischen Leitung von Geoffrey Abbott eigens als konzertante Aufführung für das Festival eingerichtet.
 
Aus der Augsburger Kulturszene gibt es zahlreiche weitere Beiträge zum Festival. Das Grandhotel Cosmopolis lädt z.B. am 2.3. zu einem performativen Live-Erlebnis im eigenen Haus ein. Die Überschrift des Abends lautet: »Wie kann ich Gutes tun, wo alles so teuer ist?« Das Ensemble verspricht eine intensive, sinnliche und unmittelbare Auseinandersetzung mit Brecht, die Parallelen zwischen seinem Werk und dem eigenen Schaffen offen legt.
 
Das Faks Theater bringt am 25.2. »Fisch Fasch« zur Uraufführung. Der Poesie-Parcours führt Kinder ab 8 und Familien durch das Geburtshaus Bertolt Brechts. Die Produktion »Der kalte Hauch des Geldes« von Alexander Eisenach (Regie: Sebastian Seidel) verlagert die Auswüchse eines entfesselten Finanzkapitalismus in den wilden Westen und feiert am 23.2. Premiere. Das Augsburger theter-Ensemble präsentiert mit »Fatzernation« eine eigene Interpretation des Fatzer-Stoffes. Premiere ist am 28.2. im City Club.
 
Literatur – neues Format mit Thesen zu Egoismus und Solidarität
Im Bereich Literatur präsentiert das Brechtfestival ein neues Format. Das literarische Podium »ABC der Solidarität – Ich glaub nicht, was ich denk« skizziert und diskutiert Thesen zu Egoismus und Solidarität heute. Ausgehend von Brechts Essay »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« entwickeln die Autorinnen Kathrin Röggla, Stefanie Sargnagel und der Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock jeweils ein Thesenpapier dazu. Am 25.2. vertreten sie auf der Brechtbühne im Theater Augsburg ihre Standpunkte in kurzen Statements, um dann miteinander und mit dem Publikum darüber zu diskutieren. Die Thesenpapiere werden vor Ort als Reader ausgehändigt. Der Kulturjournalist und Literaturexperte Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk moderiert die Veranstaltung.
 
»Wer sagt Dir, wer Du bist?« – Am 4.3. stellt Sasha Marianna Salzmann im Gespräch mit Deniz Utlu ihren Roman »Außer sich« vor. Der Text umkreist kunstvoll und eindringlich Fragen von Identität im Kontext einer von Unterbrechungen und Migration geprägten Familiengeschichte. Salzmann, die als Dramatikerin bereits international erfolgreich ist, erhielt für ihren Debutroman 2017 den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, den Mara-Cassens-Preis und schaffte es prompt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Weitere Literaturveranstaltungen beim Festival sind u.a. der Poetry Slam »Best of Poetry «. Mit Tanasgol Sabbagh, Quichotte, Philipp Herold und Temye Tesfu treten am 27.2. herausragende Bühnenpoeten der deutschsprachigen Szene im Parktheater miteinander in Wettstreit. Etablierte lokale Literatur-Reihen laden zu den Festival-Ausgaben ein: Die vom Sensemble Theater veranstalteten »Augsburger Literaturgespräche« haben am 26.2. den Theaterautor und Regisseur Alexander Eisenach zu Gast. Eisenach sei »einer der einfallsreichsten jüngeren deutschen Regisseure und Theaterautoren«, so DIE ZEIT. Die »Augsburger Sonderrauchzeichen« der Buchhandlung am Obstmarkt steigen am 1.3. auf.
 
Lange Brechtnacht – musikalische Echokammer zum Brechtfestival
Bertolt Brechts Werk ist spartenübergreifend und ohne Musik undenkbar – und so ist auch die Lange Brechtnacht wieder Teil des Festival-Programms, als musikalische Echokammer auf die Themen der Zeit und auf das diesjährige Leitmotiv. Mehr als 50 Künstler*innen bespielen am 24.2. zehn Locations im Augsburger Stadtgebiet. Sie spannen einen weiten Bogen vom Polit-Rap der Düsseldorfer Antilopen Gang zum revolutionären Geist der US amerikanischen Gruppe Algiers über Daniel Kahns Klezmer-Jazz-Kabarett, den introspektiven Klangwelten Martin Kohlstedts, den dichten und tiefen Sound des schwedischen Avantgarde-Jazz-Trios Fire! bis hin zur leidenschaftlichen Innenschau der irischen Ausnahmemusikerin Wallis Bird. Die Lange Brechtnacht wird kuratiert von Girisha Fernando.
 
Werkstatttag: Revolution
Die Möglichkeit zu intensivem inhaltlichen Austausch für alle Interessierten bietet auch in diesem Jahr der Werkstatttag. Der Gegenstand der Auseinandersetzung wird am 3.3. die Frage nach Revolution(en) und Konterrevolution(en) sein – ihre Bedeutung im Jahre 1918, im Jahre 1968 sowie heute. Es geht dabei auch um die Münchner Räterepublik und die Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes. Wie wurden diese Ereignisse von Bertolt Brecht in Werken wie »Fatzer« oder »Trommeln in der Nacht« verarbeitet und welche Aussagekraft haben diese Themen heute noch? Der Werkstatttag richtet sich mit Vorträgen und Tischgesprächen an alle interessierten Menschen, die sich etwas fundierter mit einem bestimmten Aspekt aus Brechts Werk und Leben beschäftigen möchten. Geleitet wird der Werkstatttag vom Theatermacher, Wissenschaftler und Mitbegründer des Performance-Kollektivs »andcompamy&Co.«,

Alexander Karschnia. Eingeladen als Gast und Referent ist u.a. der Regisseur, Autor, Übersetzer und Brechtschüler B. K. Tragelehn.
 
Alle Veranstaltungen ab dem 12.12.2017 online unter www.brechtfestival.de
Die Programmzeitung ist dort ab Januar digital erhältlich. Die gedruckte Version gibt es ab 8.1.18 an den üblichen Auslagestellen. Sie erscheint zudem am 11.1.2018 als Beilage in der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
 
ERGÄNZENDE INFORMATIONEN
Festivalprofil
Das Brechtfestival ist Theater, Literatur, Musik und Diskurs. Es performt, präsentiert, produziert und provoziert. Es generiert Gesprächsstoff und Meinungen. Das Brechtfestival ist Pop und Chor-Kantate. Es kann Holzhammer und Feinsinn. Haut rein und räumt auf. Streitbar und unterhaltsam, gnadenlos und sinnlich. Ganz im Sinne und im Geiste seines Namensgebers Bertolt Brecht.
 
Theater auf der ganzen Welt spielen Brechts Stücke. Seine Ideen haben Generationen von Künstler*innen beeinflusst, darunter auch Popmusiker*innen und Songwriter*innen wie Bob Dylan, Patti Smith und David Bowie, auf die sich weitere beziehen. Da verwundert es nicht, dass man Brecht auf großen Bühnen ebenso findet wie in Clubs und Off-Theatern. Brecht ist Champagner und Schnaps gleichermaßen. Und sein Werk inspiriert, fasziniert und provoziert Künstler*innen, Zuschauer*innen und Leser*innen unterschiedlichster Generationen, Art und Weise.
 
Das Brechtfestival macht das erlebbar.
 
Hier findet man renommierte Künstler*innen neben Neuentdeckungen, Augenscheinliches neben Hintergründigem und Etabliertes neben Experimentellem. Der Einladung nach Augsburg folgen Schauspieler*innen, Musiker*innen, Slam-Poet*innen, Literat*innen, Filmemacher*innen und Brechtforscher*innen. Gemeinsam mit Kulturakteur*innen und Brecht-Institutionen vor Ort prägen sie das Profil des generationen- und genreübergreifend konzipierten Festivals.
 
Mehr zum Festivalprofil: https://brechtfestival.de/festival/profil
 
Das Brechtfestival 2017-2019 unter der künstlerischen Leitung von Patrick Wengenroth 
Seit 2017 ist die künstlerische Leitung des Festivals auf jeweils drei Jahre ausgerichtet und verleiht dem Festival eine dynamische und abwechslungsreiche Handschrift.
In seinem Lehrstück »Die Maßnahme« (1930/31) lässt Brecht den Kontrollchor singen: »Ändere die Welt: sie braucht es!«. Diese zeitlose Botschaft liegt Brechts Haltung und seinem Werk zugrunde und übertitelte das Brechtfestival 2017 (3.-12. März), das erstmals der in Berlin lebende Regisseur und Schauspieler Patrick Wengenroth als künstlerischer Leiter konzipierte und thematisch verantwortete. Seitdem stehen das Politische Denken und die ästhetische Praxis im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung.  Mit ihrer ungebrochenen Relevanz und Aktualität angesichts der gegenwärtigen Erosionsphänomene, Kulturkrisen und brennenden gesellschaftlichen Fragen, die Deutschland, Europa und die ganze Welt bewegen. Lustvoll und experimentell erkundet Patrick Wengenroth mit seinem Programm, inwieweit Kunst ein Motor sein kann, um den Menschen den Glauben an eine Veränderbarkeit der Welt durch Kreativität und Phantasie vor Augen und Ohren zu führen. »Ändere die Welt, sie braucht es!« – Ja, genau. Denn Krise ist immer – innen wie außen. Und die Welt, die es zu verändern gilt, ist oftmals nicht mehr zu verstehen: »Ich glaub nicht, was ich denk« heißt es in Brechts Fatzer-Fragment. Von der Frage nach der Veränderungsnotwendigkeit der Welt spinnt das Brechtfestival 2018 den Faden weiter zu den Möglichkeiten der Veränderung. Die Begriffe Egoismus und Solidarität bilden dabei die Grundlage der Auseinandersetzung mit Brecht und der Gegenwart. Weniger als Gegensätze, zwischen denen es zu wählen gilt, sondern als semantisches Feld, in dem diese Auseinandersetzung geführt wird.

Patrick Wengenroth
Jahrgang 1976, geboren in Hamburg, lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet als Regisseur und Schauspieler. Für den von ihm mitgegründeten Theaterdiscounter (Berlin) entwickelte er 2003 das Theater-Show-Format »Planet Porno«, das später seine künstlerische Heimat im Hebbel am Ufer/HAU hatte. Er inszeniert regelmäßig an der Schaubühne Berlin, dem HAU in Berlin und diversen anderen Theatern in Deutschland. Zudem produzierte er zusammen mit Deutschlandradio Kultur diverse Hörspiele und stand als Kritiker für den ZDF-Kulturpalast vor der Kamera.
 
 
Pressemitteilung als PDF hier