WIR SIND KEINE KURATOREN

Das Brechtfestival hat eine neue künstlerische Leitung. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner im Gespräch ...

v.l. Tom Kühnel, Jürgen Kuttner. Foto: Fabian Schreyer

Das Brechtfestival hat eine neue künstlerische Leitung. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner krempeln das Konzept gehörig um und legen das Ganze als großes, genreübergreifendes Spektakel an. Die beiden Regisseure setzen vor allem auf Originaltexte von Bertolt Brecht und Heiner Müller, die sie zusammen mit prominenten Künstler*innen eigens und exklusiv für das Brechtfestival einrichten. Das Brechtbüro hat sich in Vorbereitung auf das kommende Festival mit den beiden über ihr Selbstverständnis als Festivalleiter unterhalten:


Jürgen, dich verbindet eine lange erfolgreiche Zusammenarbeit mit Castorfs Volksbühne, als Regie-Duo Kühnel & Kuttner seid ihr zwei am Deutschen Theater in Berlin verortet. Zuletzt hattet ihr dort mit „Die Umsiedlerin“ von Heiner Müller Premiere. „Demokratie“ und „Eisler on the beach“ sind als Produktionen dort im Repertoire zu sehen und für Januar 2020 ist schon das nächste Projekt geplant. Jetzt habt ihr in Augsburg zum ersten Mal den Auftrag, ein Festival zu leiten. Was reizt euch besonders an dieser Aufgabe?

Tom Kühnel: In allem, was wir bisher zusammen gemacht haben, hat Brecht immer eine Rolle gespielt. Trotzdem war es für uns erst mal total abwegig, so ein Festival zu leiten, weil wir als Regisseure einfach noch nie mit sowas zu tun hatten! Wir haben uns aber vorher sehr viel mit Brecht beschäftigt. Sei es, dass wir Stücke von ihm gemacht haben, oder dass wir in unseren gemeinsamen Regiearbeiten immer auch stark auf Brecht und auf die epische Arbeitsweise Bezug genommen haben. Von daher war es dann schon wieder gar nicht mehr so abwegig, ein Brechtfestival zu machen.

Jürgen Kuttner: Das Brechtfestival gibt uns gewissermaßen die Gelegenheit, uns irgendwie nochmal anders und intensiver mit Brecht zu beschäftigten. Wir waren vorher auch noch nicht in Augsburg. So lernt man auch nochmal eine neue Stadt kennen.

Tom Kühnel: Letztlich sehen wir das Festival wie eine Inszenierung, also wie jemand, der aus dem Oeuvre von Brecht heraus denkt. Für mich ist es immer reizvoll, mich mit etwas zu beschäftigen, wo ich mich dann so reinwühlen kann. Wenn man viel mit und über Brecht gemacht hat und dann vor seiner umfangreichen Gesamtausgabe zu Hause steht, merkt man dann doch immer wieder ganz schnell, wie wenig man gelesen hat, wie wenig man tatsächlich kennt.

Jürgen Kuttner: Wir sind ja keine, was man so nennt, Kuratoren, da hatten wir als Künstler auch eine gewisse Grundverachtung, was das Kuratorentum betrifft (lacht) – jetzt sind wir selber in der Situation, dass wir als Kuratoren arbeiten. Aber wir bestehen dann doch auf diesen Kunstaspekt dabei. Uns interessieren Sachen, die vernachlässigt sind, die mit Geschichte zu tun haben, die nicht so im gängigen Konsens sind. Vieles von dem, was man beim Brechtfestival sehen wird, sind Sachen, die würden wir auch gerne selber machen. Aber sowas anzuregen und andere Leute dafür zu begeistern ist irgendwie auch ganz schön.


Das Brechtfestival unter eurer Leitung wird einen völlig anderen Charakter haben, als die bisherigen Ausgaben. Weniger Gastspiele, weniger eingekaufte Produktionen. Das Festival rückt enger mit dem Staatstheater zusammen und schaltet in den Produktionsmodus um.



Jürgen Kuttner: Wir wollen Sachen bieten, die eben in der Art und Weise tatsächlich nur in Augsburg stattfinden und mit Brecht zu tun haben. Ein Großteil dessen, was da zu sehen sein wird, gab es vorher noch nicht. Das sind schnelle, kleine, interessante Produktionen, die sich entweder aus Ideen ergaben, die wir für bestimmte Schauspielerinnen oder Schauspieler hatten, für die wir nach Texten gesucht haben, die noch nicht so intensiv behandelt worden sind, von denen wir aber glauben, dass sich eine Beschäftigung lohnt. Produziert wird im „Hit&Run“-Modus: d.h. alle Künstlerinnen und Künstler stellen sich der Herausforderung, ohne großen Vorlauf eine Sache live zu machen. Das werden alles Sachen sein, die keine Generalprobe erlebt haben. Auch das ist durchaus ein Brecht’scher Gedanke – dem großen Tanker Theater „kleine wendige Truppen“ beiseite zu stellen – Leute, die dann drei, vier, fünfmal geprobt haben, bis sie’s draufhaben und dann schnell was machen und das dann irgendwie präsentieren. Das wird auch den besonderen Charme ausmachen. Da sind wir selber gespannt drauf. Das ist jetzt nicht so, dass wir Seiltänzer sind und das Netz hängt ‚nen halben Meter drunter. Da kann man auch abstürzen, aber das gehört ja, finde ich, zum Kunst machen sowieso dazu. Wenn’s nicht irgendwie auch ein Risiko beinhaltet, dann isses ja langweilig. Wir brauchen ja keinen Versicherungs-Brecht, sondern eher einen Verunsicherungs-Brecht. Für die Künstler, für die Zuschauer und für uns.


Das Brechtfestival-Programm von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner wird am 16.12.2019 veröffentlicht.