Blickpunkt: "Auf der Straße"

Ein Gespräch mit Knut Bliesener (SKM Augsburg) über Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit

(c) KW Neun

Der Sozialpädagoge Knut Bliesener arbeitet beim SKM Augsburg im Fachbereich Wohnungslosenhilfe und Streetwork. Seit 1990 hat er in seiner Arbeit mit Menschen zu tun, die von Wohnungslosigkeit und Armut betroffen sind. Tina Bühner vom Brechtfestival-Team sprach mit ihm über Wohnungsverlust und die größten Missverständnisse in Bezug zum Thema Obdachlosigkeit.

Herr Bliesener, wie hat sich das Thema Armut & Obdachlosigkeit verändert in der langen Zeit, in der sie sich damit beschäftigen?

Ende 1980 entstand die Idee, eine Einrichtung rein für obdachlose Personen – Menschen, die in Augsburg auf öffentlichen Plätzen und Straßen angetroffen wurden – zu schaffen. Das war die Geburtsstunde der Wärmestube des SKM Augsburg. Der Beginn der Hartz IV-Gesetzgebung veränderte auch das Publikum der Wärmestube. Man traf Leute, die, abgesehen vom Thema Obdachlosigkeit, mit Armut in irgendeiner Art und Weise umgehen mussten. Jahre später wurde offensichtlich, dass es in Augsburg eindeutig zu wenig Wohnungen gibt. Da darben wir ja nach wie vor, viele Leute können nicht mit Wohnraum versorgt werden. Es fehlen auf den jeweiligen wohnungslosen Menschen zugeschnittene Einrichtungen und ein besser vernetztes System der Wohnungslosenhilfe in Augsburg. Ein System der Wohnungslosenhilfe welches in anderen Städten bereits etablierter existiert. 

Was glauben Sie, was brauchen Menschen, die von Armut und Obdachlosigkeit betroffen sind, von ihren Mitmenschen am meisten?

Die soziale Teilhabe, dieses Einbezogen sein, das Nicht-Ausgrenzen – das klingt zwar etwas platt, aber wenn es gelebt werden könnte, wäre das sehr, sehr hilfreich. Ich denke, beim Thema Obdachlosigkeit sind sehr viele Berührungsängste mit im Spiel.

Wie könnte so eine Teilhabe zum Beispiel aussehen?

Spontan fällt mir dazu eine Spende von einem Herrn ein, der sich dachte, dass es vielleicht für manche gut wäre, einmal rauszukommen. Er hat bewusst Geld dafür gespendet, dass Ausflüge gemacht werden, oder dass ein Theater besucht werden kann. Freizeitgestaltung im weitesten Sinne. Aktivitäten, die im Leben eines Menschen der mit wenigen finanziellen Mitteln ausgestattet ist, kaum eine Rolle spielen. Wichtige kleine Schritte hin zu einem neuen gesellschaftlichem Miteinander.

Was halten Sie von dem Stück des Berliner Ensemble „Auf der Straße“, das beim Brechtfestival zu sehen ist?

Ich finde das natürlich sehr sinnvoll und interessant. Ein bisschen Bedenken hatte ich schon, weil ich mir dachte, das ist vielleicht so eine rundum Berliner Sache und angefangen vom Stück bis hin zu den Berliner Verhältnissen ganz anders eingefärbt. Wenn man den Fokus auf Augsburg dreht, dann sieht man hier keine brennenden Tonnen und nicht so viele Leute draußen schlafen. In Augsburg findet das mehr verdeckt statt. Die Leute schlafen weniger unter den Brücken, als dass sie vielleicht bei Bekannten und Freunden unterkommen. Natürlich ist die Inszenierung trotzdem sehr wichtig um das Thema der Öffentlichkeit nahezubringen. 

Wie kann man sich in Augsburg für obdachlose und arme Menschen engagieren?

Durch Unterstützen einer Einrichtung wie den SKM Augsburg oder seiner Wärmestube, mit Geld- und Sachspenden oder durch tatkräftiges ehrenamtliches Mithelfen. Ehrenamtliche geben zum Beispiel am Sonntag das Essen in der Wärmestube aus, fahren beim Kältebus mit oder helfen uns in der Verwaltung. Also je nach Fasson kann man sich einfach einbringen und uns unterstützen. Wir sind kaum noch gewohnt - früher hat es öfter geklappt- dass Vermieter an uns denken. Vermieter, die uns Wohnraum zur Verfügung stellen, weil wir als Vermittler Ansprechpartner sind. Fehlende Mieten oder verwahrloste Wohnungen könnten so verhindert werden.

Wer ist von Obdachlosigkeit betroffen?

Aktuell sprechen Leute beim SKM Augsburg vor, denen es früher gar nicht in den Sinn gekommen wäre, hier Hilfe zu holen. Schneller Wohnungsverlust führt immer öfter zu ausweglosen Situationen. Eben plötzlich „obdachlos“ . Der angestrengte Wohnungsmarkt erlaubt keinen schnellen Wechsel in eine günstige Wohnung. Dieses Spektrum hat sich verbreitert. Neben den Wohnungssuchenden, die bezüglich Wohnfähigkeit Unterstützung benötigen.

Was ist der größte Irrtum, das größte Missverständnis, den die Öffentlichkeit hat in Bezug auf Obdachlosigkeit?

Neulich habe ich im Fernsehen einen Beitrag gesehen mit einem Kunden von uns. In dem Zwiegespräch mit dem Reporter hat er das, wie ich finde, auf den Punkt gebracht. Er sagte sinngemäß auf die Frage, was er denn eigentlich bräuchte: Wenn er in der Annastraße sitzt und bettelt, bräuchte er nicht den ganzen Tag Leute, die ihm Semmeln vorbeibringen oder Kaffee. Dieses Entmündigen halte ich für verkehrt. Aber was fehlt ist die Auseinandersetzung mit den Menschen. Dass man ganz normal fragt, was ist denn mit Dir? Willst Du dieses und jenes, willst Du eine Semmel? Was ich damit sagen will – das ist wahrscheinlich überhaupt der größte Irrtum – dass es scheinbar nicht möglich ist, sich mit diesen „Aussätzigen“ zu unterhalten oder einen Kontakt aufbauen zu können. Da geht man lieber schnell vorbei, man will es nicht wahrhaben. Oder man denkt in die Richtung: die sind ja eh selbst Schuld. Wahrscheinlich ist das größte Missverständnis, dass es sich hierbei nicht um normale Menschen handelt, sondern um seltsame Wesen, denen man irgendwas nachsagt, was ja nicht stimmt. Natürlich sind viele anders sozialisiert, haben eine schlechte Schulausbildung oder ähnliches, aber trotzdem sind sie ein Teil der Gesellschaft.