Mittwoch 19.02.
19.00 Uhr S-Planetarium

"Wolokolamsker Chaussee I-V" von Heiner Müller

IIn „Wolokolamsker Chaussee I-V“ beschreibt Heiner Müller den Weg der Panzer zwischen 1943 und 1968 von Berlin nach Moskau und wieder zurück. Wie lässt sich auf den Trümmern des Krieges eine neue, bessere Gesellschaft aufbauen?

© KW neun

"Kosmos Heiner Müller" bringt Hörspiele vom heimischen Wohnzimmer unter die Sternenkuppel des S-Planetariums. An vier Abenden erklingen sechs Klassiker der deutsch-deutschen Rundfunkgeschichte. In den Aufzeichnungen aus den späten 1980er Jahren wird Heiner Müller als Regisseur und Autor erfahrbar.

1985 wurde am Deutschen Theater in Ostberlin „Wolokolamsker Chaussee Teil I uraufgeführt. – Heiner Müllers Versuch, im Zeitalter der „Konterevolution“ eine „proletarische Tragödie“ zu schreiben. Die Protagonisten dieser Tragödie kämpfen nicht mehr gegeneinander. Vielmehr befinden sie sich im Kampf gegen sich selbst - man könnte auch sagen im Widerstreit mit einer gesichtslosen äußeren Ordnung, die sie aufrecht erhalten müssen, weil sie ihnen Macht verleiht. Im Jahr 1989, unmittelbar vor der Wende, produzierte der Frankfurter Komponist, Hörspielautor und Regisseur Heiner Goebbels (*1952) mit drei Westdeutschen Rundfunksendern Müllers bis dahin zu einem fünfteiligen Zyklus angewachsenes Werk als polyphones Hörspielereignis. Stück für Stück wechselt Goebbels den musikalischen Stil und schafft so eine reizvolle zweite Ebene, die Müllers vielschichtigen Text ergänzt und konterkariert. Der nächste Schritt der Evolution, so Heiner Müller, wird das Zeitalter, in dem Mensch und Maschine eine Einheit bilden. Im Hörspiel ist dieses Zeitalter bereits Wirklichkeit.

Heiner Goebbels mehrfach preisgekröntes Hörspiel "Wolokolamsker Chaussee I-V" wurde am 11.11.1989 mit dem Publikumspreis der Berliner "Woche des Hörspiels" ausgezeichnet und am folgenden Tag vom SFB erstmals komplett ausgestrahlt.

Wolokolamsker Chaussee

Erster Teil: Russische Eröffnung (Nach Alexander Bek)

Ein Kommandeur der Roten Armee erinnert sich an eine Begebenheit im Winter 1941 während der deutschen Offensive auf Moskau. Es ist bitterkalt. Der Vormarsch der deutschen Panzer scheint unaufhaltsam. Unter den jungen Rotarmisten herrscht Panik. Um die Loyalität seiner Einheit zu testen, inszeniert der Kommandeur einen feindlichen Angriff. Tatsächlich flüchtet eine Gruppe, darunter ein Leutnant, der sich in die Hand schießt, um sich dem Kriegsgeschehen zu entziehen. Der Kommandeur befiehlt den Deserteur standrechtlich zu erschießen. Kurz vor dem Abschuss der tödlichen Salve, stellt er sich vor, wie er den Totgeweihten begnadigt. Heiner Müller zeigt den Krieg als Brutstätte toxischer Männlichkeit: Das Überleben des Einzelnen und der ihm Anvertrauten hängt davon ab wie hart er ist – gegen sich selbst und gegen die anderen. In der Regieanweisung heiß es: „Das Wunschbild der Begnadigung des Deserteurs braucht den Realismus der Exekution, damit ein Krieg gedacht werden kann, in dem die Begnadigung die realistische Lösung ist.“ Heiner Goebbels realisiert sein Hörstück im harten Klang-Ambiente der Frankfurter 'speed-metal' - Gruppe "Megalomaniax'.

Mit: Ernst Stötzner. Ensemble: Megalomanix.

Zweiter Teil: Wald bei Moskau (Nach Alexander Bek)

Sieben Tage nach den Ereignissen des Eröffnungs-Teils ist das Bataillon vom Gegner eingeschlossen. Beim Rückzug in einen Wald bei Moskau wird der Sanitätszug vermisst. Der Kommandeur verlangt Rechenschaft vom Bataillonsarzt, der die Verwundeten im Stich gelassen hat. Er degradiert den ranghöheren Arzt, obwohl nur ein Kriegsgericht später über den Fall befinden könnte. "Im ersten Teil 'Wolokolamsker' ist der Pazifismus der Hauptpunkt für mich, im zweiten der Anarchismus. Denn was der Kommandeur macht, ist an sich anarchistisch". (Heiner Müller). Welche Werte können gelten, wenn die Sinnlosigkeit des Krieges alle geltenden Werte außer Kraft setzt? 1986 wurde das Stück am Potsdamer Hans-Otto-Theater uraufgeführt und mit Teil l verbunden. Beide Teile wurden 1986/87 von Achim Scholz im Rundfunk der DDR erstmals als Hörspiel realisiert. Heiner Goebbels erarbeitete sein eigenständiges Hörstück wie bei Teil I mit der 'speed-metal' -Gruppe "Megalomaniax".

Mit: Ernst Stötzner. Ensemble: Megalomanix

Dritter Teil: Das Duell (Nach einem Motiv von Anna Seghers)  Juni 1953 in einem bestreikten DDR-Betrieb. Der Betriebsleiter und sein Stellvertreter sind über Nacht zu Gegnern geworden. Der Ältere, Nazi-Verfolgter und DDR-Aktivist der ersten Stunde, hofft auf die sowjetischen Panzer; der Jüngere, Repräsentant der Aufbaugeneration, hofft darauf, dass die Panzer ausbleiben. - Der Aufstand vom 17. Juni wurde mit der Uraufführung durch Bernd Weissig 1987 in Potsdam erstmals auf einer DDR-Bühne zum Thema gemacht. Heiner Goebbels realisiert sein Hörstück mit dem klassischen 'Kammerchor Horbach' (Leitung Johannes Eisenberg).

Mit: Ernst Stötzner, Kammerchor Horbach

Vierter Teil: Kentauren - Ein Greuelmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa

Dem Fabelwesen mit Pferdeleib und menschlichem Oberkörper gibt Müller eine lapidare Definition: "Kentaur altgriechisch für Amtsschimmel". - Der Alptraum eines Staatssicherheitsbeamten von einer Welt ohne Ordnungswidrigkeit, in der er selbst mit seinem Schreibtisch verwächst, gegen Anfechtungen gewappnet mit aller erdenklichen ideologischen Software. Eine Farce über die drohende Einheit von Mensch und Apparat. - 1988 erstmals auf die Bühne gelangt als Textlesung, integriert in Müllers Neuinszenierung seiner "Lohndücker" im Deutschen Theater. Im Hörstück von Heiner Goebbels wird dieses "Greuelmärchen" erzählt von Alexander Kluge. "

Mit: Ernst Stötzner, Alexander Kluge. Musik: Heiner Goebbels (Klavier), René Lussier (Gitarre)

 Fünfter Teil: Der Findling. (Nach Kleist)

Nach dem Prager Einmarsch 1968 wird ein Flugblattverteiler für fünf Jahre im Gefängnis Bautzen festgesetzt. Dort sitzt ihm sein NS-verfolgter Adoptivvater gegenüber, dem die Klarheit alter Feindschaften ein Vertrauen in die DDR-Verhältnisse wachgehalten hat, das der Adoptivsohn nicht zu teilen vermag. Nach der Entlassung wechselt er über in den Westen Berlins ("Halbstadt der alten und der neuen Witwen"), und steht schließlich wieder vor der Tür des alten Parteiaktivisten. - Ein Lehrstück über den inneren Generationskonflikt in der DDR. Uraufgeführt 1988 innerhalb der Gesamtinszenierung des Zyklus im Pariser Théàtre de Bobigny. Von Heiner Goebbels realisiert mit der Frankfurter Hip-Hop-Gruppe 'We wear the Crown".

Mit: Ernst Stötzner. Ensemble: We Wear The Clown.

Wolokolamsker Chaussee I-V
Nach Motiven von Alexander Bek, Anna Seghers und Heinrich von Kleist
Komposition: Heiner Goebbels. Technische Realisierung: Alfred Habelitz; Thomas Krause. Regie: Heiner Goebbels
Südwestfunk / Bayerischer Rundfunk / Hessischer Rundfunk 1989

Regie und Komposition: Heiner Goebbels • Südwestfunk • Bayerischer Rundfunk • Hessischer Rundfunk 1989

Dauer: ca. 80 Minuten + Einführung Heiner Goebbels