ABC der Solidarität

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Im Herbst 2017 hatten wir Bazon Brock, Stefanie Sargnagel und Kathrin Röggla gebeten, für das Brechtfestival jeweils ein 15 minütiges Statement zu diesem Thema zu Verfassen. Brechts "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" sollten ein formaler Leitfaden sein. Der Versuch miteinander darüber ins Gespräch zu kommen, ist gescheitert, ja.
Die Debatte darüber wie und warum es zu diesem Scheitern kam, hat zum Teil heftige Reaktionen ausgelöst. Im Folgenden haben wir eine repräsentative Auswahl der Rückmeldungen, die uns erreicht haben, zusammengestellt.

Radiobericht auf Deutschlandradiokultur (ABC ab ca. 2:50)

„Keine zwei Meinungen kann es darüber geben, wie der Versuch am Sonntagnachmittag ausgegangen ist, eine prominent besetzte Podiumsdiskussion als literarische Attraktion in Patrick Wengenroths Brechtfestival zu setzen: Es war ein Desaster (…) ein krachendes Scheitern (…) Und lieber scheitert man an zu hohen Ambitionen als an zu geringen.“
Augsburger Allgemeine, 26.2.2018

"Ich habe mir die Podiumsdiskussion ABC DER SOLIDARITÄT am Sonntag auf der brechtbühne mit Herrn Brock, Frau Sargnagel und Frau Röggla angeschaut und möchte sagen, dass ich solche Formate sehr spannend und wichtig finde und auch wenn es nicht ganz stimmig war, finde ich es als Experiment und performativen Ansatz durchaus wiederholenswert. Es wäre sicherlich gut gewesen, den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, sich mit den Statements der Gäste vertraut zu machen, bevor darüber gesprochen wurde - so hätten wir auch die Möglichkeit gehabt, uns häufiger in die Diskussion einzuschalten.Danke für den interessanten Nachmittag und bitte weiterhin solche Formate!"
Jeanne Schummer

„Der Kulturtheoretiker Bazon Brock wurde beim Brecht-Festival (…) von einer Zuhörerin und der Bloggerin Stefanie Sargnagel attackiert (…) Patrick Wengenroth hat im Dentschlandfunk (sic!) Kultur nachgetreten und den Wissenschaftler nach Ansicht vieler verunglimpft, das sorgt jetzt für Diskussionsstoff“
Neue Sonntagspresse, 4.3.2018

„Der Zustand unserer heutigen Gesellschaft wird dadurch gekennzeichnet, dass wir uns dem untersten Niveau anzugleichen haben, um alle mitzunehmen – so sinkt das gesamte Niveau auf das niedrigste. Und dafür steht offenbar auch der Herr Festivalleiter und steht die Frau Sargnagel. Alles, was da gesagt wird, ist reiner Mumpitz – aus Ohnmacht. Das heißt: Die Leute kapieren, dass sie zu blöd sind, um sich dem Thema zu stellen; und dann werfen sie das allen, die dem Thema gewachsen sind, vor. Nämlich: Ihre eigene Dummheit ist als demokratische Forderung durchzusetzen – wir bestehen auf unserer Dummheit, und jeder, der das nicht akzeptiert, ist ein Chauvinist. Andersrum: Der Alters-Chauvinismus, der mir hier entgegengebracht wird mit dem Gerede vom „blasierten alten Mann“ und ähnlichem – das ist reiner Faschismus.
Bazon Brock gegenüber der Augsburger Allgemeinen


"Ich habe Herrn Brock mit Gewinn zugehört und teile einige seiner zentralen Thesen, zum Beispiel, dass es zu jedweder „Identität“ notwendig der Würdigung des Anderen bedarf, auch durch Streit. Seinen Furor fand ich anfangs durchaus interessant. Nach 45 (von 90 angesetzten) Minuten Beschäftigung mit Herrn Brocks Thesen schwante mir aber, dass er selber leider weder willens noch in der Lage schien, sich in eine Art Gespräch mit den anderen Akteuren zu begeben, diese als Andere also zu würdigen. Stattdessen fand er kein Ende, kam vom 100sten ins 1000ste und war vollauf beschäftigt, seine Weltsicht zu dozieren, berauscht von der eigenen Überlegenheit. Da bin aufgestanden und eingeschritten mit der Bitte, Frau Röggla und Frau Sargnagel ebenfalls noch die Gelegenheit zu geben, ihre Thesen auszubreiten. Dass Herr Brock hörbar beleidigt reagierte („Pah, das Publikum…!“), passte zu seinem Auftritt. (...) Ja sicher: die gesamte Veranstaltung, nicht etwa nur Herr Brock, war skurril und abwegig: der höflich-hilflose Moderator, das Zetteldurcheinander von Frau Röggla, das Verse-Vorlesen von Frau Sargnagel. Kein roter Faden, keine Verbindung der isolierten Gedankenwelten – vielleicht sogar ein Spiegel des Kommunikationsdesasters unserer Gesellschaft?
Aber bitte: einem interessierten Publikum ist durchaus zuzutrauen, dass es auch einmal mit Irritationen und Scheitern umgehen kann. Ich brauche nicht alles schön säuberlich und widerspruchsfrei arrangiert zu bekommen. Besser an zu großen Ansprüchen zu scheitern, als immer auf Nummer Sicher zu gehen. Und: Impulse, Erkenntnisse und weiterführende Fragen habe ich sehr wohl erhalten an diesem illustren Sonntagnachmittag. Dafür danke."
Theresia Volk (die Zuschauerin, die eingeschritten ist)

„Über längere Strecken redeten sie aneinander vorbei (…) ein kluger Radioredakteur versucht eine Diskussion zu moderieren. Das scheitert rasch an der schwer diskutablen Selbstherrlichkeit des alten Professors, der mit routinierten Paradoxien die junge Stefanie Sargnagel so aus der Fassung bringt, dass sie ihr Statement nur lesend vortragen kann. Sehr schade – viele junge Zuhörer*innen waren gerade ihretwegen gekommen … Kathrin Röggla erinnert … an das listige Schreiben der Wahrheit bei Brecht – dessen anscheinend problemlosen Umgang mit der Wahrheit sie problematisiert“
Dreigroschenheft, 1.4.2018

„Zur inhaltlichen Debatte kam es kaum, dafür zu harschem Gebaren von Brock gegenüber den weiblichen Podiumsgästen und einer Moderation, die sich unfähig zeigte, Struktur zu schaffen oder gar zu wahren, was nicht nur auf der Bühne für Unmut sorgte.“
Theater der Zeit, April 2018


"Simples Fazit: Solidarität könnte im gemeinsamen Gespräch beginnen, da aber bräuchte es ein Thema, dem sich alle gegenüber zumindest etwas verbindlich zeigen. Ansonsten nur Egoshootertum."
Kathrin Röggla, "Sie wollen ein Statement zu diesem Nachmittag? Ja? Wirklich?" ... mehr