„Brecht probt Galilei 1955/56“

Stephan Suschke

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>> Festivalzentrale im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim)
>> Sonntag, 27.2.2022, 17.00 Uhr
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Brecht und sein „episches Theater“ wirken auf viele bisweilen angestaubt, fast mumifiziert. Schuld daran sind trockene Abhandlungen in Schulbüchern und eine Wissenschaft, die ihren Gegenstand zur blutleeren Angelegenheit macht. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass Brecht eben nicht nur der scharfsinnige Autor war, sondern auch ein leidenschaftlicher Theatermacher der auf Proben mit dem Ensemble um die beste Form seiner Stücke rang. Dies verdeutlichen Originalaufnahmen aus den Proben zum „Leben des Galilei“ von 1955/56. Stephan Suschke hat sie gesichtet oder besser durchlauscht: sein eindrucksvolles Tondokument zeigt Brecht bei der Arbeit –  der letzten vor seinem Tod am Berliner Ensemble, mittendrin, im kreativen Prozess mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern:
„Galilei: Ich glaube an den Menschen, und ich glaube an seine Vernunft. Ohne diesen Glauben hätte ich nicht die Kraft, morgens aus dem Bett aufzustehen.
Sagredo: Soll ich dir etwas sagen? Ich glaube nicht an sie. (aufbrausend:) Vierzig Jahre unter Menschen haben mich gelehrt
Brecht, dazwischen: Ganz ruhig! Jetzt werden Sie ganz eiskalt. Sie sagen (kühl): Ich will dir etwas sagen. Ich glaube nicht an sie. Kannst sagen, was du willst. Ganz kalt, ganz abweisend. Dieses Gewäsch da, dieses moderne Gewäsch!“

Stephan Suschke

ist Regisseur und Schauspieldirektor am Landestheater Linz. Als enger Mitarbeiter von Heiner Müller wirkte an vielen Inszenierungen am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble mit, das er von 1997 bis 1999 leitete. Er glaubt nicht daran, dass Brecht in diesen Tagen aktueller geworden ist: „Das Problem ist eher, dass die Wirklichkeit seit dem Fall der Mauer die Texte Brechts eingeholt hat. Brechts Texte sind weiträumig, riesige Projektionsflächen, die es zu beschreiben gilt. Alles was er tat, war geprägt von großer denkerischer Flexibilität und Leichtigkeit. Was ich immer wieder toll finde, ist der sehr genaue, sehr materialistische Blick von ihm auf Menschen und Beziehungen: Wie man lebt, denkt man! Die Ideologien, die heute in ihren unterschiedlichen sektiererischen Ausprägungen wieder an die des 20. Jahrhunderts erinnern, hat er verachtet. Ausbeutung ist kein Phänomen der Ethnien und sexuellen Prägungen. Auch da war dieser „alte weiße Mann“ wesentlich intelligenter: „Schwarzer, Weißer, Brauner, / Gelber! Endet ihre Schlächterei! / Reden erst die Völker selber, Werden sie schnell einig sein“

Bild:

unbekannt, Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv, Fotoarchiv 02053

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