9. Dezember

FOKUS MARGARETE STEFFIN

Sabine Kebir über das Verhältnis von Brecht zu Margarete Steffin:

„Nein, Margarete Steffin wurde nicht von Bertolt Brecht ausgebeutet. Und eine große Schriftstellerin wäre sie ohne ihn auch nicht geworden. Ihre Briefe belegen, daß sie bei Brecht in dichterischer Ausbildung war und ihn dafür in politischen Fragen beriet.

(…)

Steffin befand sich bei Brecht in permanenter Ausbildung. Unter seinem Einfluß schrieb sie – teilweise in den Briefen enthaltene – beachtenswerte Gedichte und Kurzprosa. Ihre dramatischen Versuche beurteilte sie selbst als noch im Agitpropstil befangen. Für Brecht wiederum war sie nicht nur wichtig wegen seines unstillbaren Bedarfs an konkreten soziologischen Kenntnissen der proletarischen Welt, sie half ihm auch bei der Erzeugung einer zugleich klassischen wie auch den Arbeitern verständlichen Sprache. Welcher Art ihre Vorschläge waren und wie er sie verwertete, geht aus einem mit seinen Anmerkungen versehenen Brief zu einer Szene zu „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ hervor.

Von dem zu Ende der fünfziger Jahre in der DDR proklamierten „Bitterfelder Weg“, der ebenfalls Arbeiter- und Hochkultur zusammenführen sollte, unterscheidet sich die künstlerische Symbiose Steffin/Brecht vor allem durch ihre basisdemokratische Ausrichtung. Obgleich Steffin der Partei näher stand als Brecht, schwebte auch ihr eine eher der Wirklichkeit als der Partei verbundene Literatur vor. Weil sich heutige Literaturmode gegen jede soziologische Fundierung sperrt, mag das Projekt Steffin/Brecht antiquiert erscheinen. Dennoch sollte es nicht nur als Beispiel ewigen Geschlechterkampfs gelten. Vielmehr müßte es als geglücktester Teil eines Kapitels deutscher Kulturgeschichte aufgearbeitet werden.

taz, 17.7 1999

(Quelle: https://web.archive.org/web/20010427040651/http://www.geocities.com/paris/2427/taz17071999ms.html

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