6. Oktober

Margarete Steffins Theaterstück »Wenn er einen Engel hätte«:

Um den 5. Oktober 1934 herum verläßt sie Moskau und kommt nach einer langen Bahnfahrt in Arasindo im Kaukasus an, einem schwer erreichbaren Kurort im Gebirge, »7 1/2 Bahnstunden u. 4 scheußliche Autostunden« von Tbilissi entfernt. Wenige Wochen später schickt sie Brecht aus dem Sanatorium einen Entwurf zu ihrem Theaterstück »Wenn er einen Engel hätte«. Brecht ist inzwischen auf Arbeitssuche in London und versucht dort einen Film herzustellen, der dann aber nicht realisiert wird. Er ist von Steffins Entwurf sehr angetan:

»Schick doch bald mehr von der >Schutzengel<-Geschichte! Sie kam mir sehr amüsant vor, ich lachte sogar laut.«

Er rät ihr, die Szenen zuerst einmal in Prosa zu schreiben, einfach und realistisch. Grete Steffin arbeitet in einer Umgebung, die sie nicht auf Ruhe und Konzentration einstimmt, aber das scheint sie nicht zu stören:

»Besinnen Sie sich noch auf den kleinen Plan des >Schutzengels< , von dem ich Ihnen mal erzählte?«, schreibt sie an Walter Benjamin. »Ich habe jetzt im Klub inmitten spielender, erzählender, klavierender Leute einen Rohentwurf fertig gemacht und bin sehr befriedigt davon, obwohl er ganz auf Agitprop-Ton abgestimmt ist, was nicht bleiben darf.«

Während des Schreibens stellt sich heraus, daß sie nicht nur den Agitprop-Ton zu überwinden hat, der ebenso wie Thema und Stoff der Fabel auf ihre Kindheits-und Jugenderfahrungen zurückgeht. Den eigentlichen Teil der Arbeit macht die Transformation vom Agitprop in die Gestalt eines Dramas aus-für Grete Steffin ein entscheidender Sprung in ihrer Entwicklung als Autorin.

(Hartmut Reiber: Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin, Eulenspiegel Verlag 2008, S. 229)

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